Walled Garden - Nur ein weiterer disruptiver Schritt
John Battelle hat letzte Woche in einem sehr lesenswerten Beitrag anschaulich erklärt, dass das uns bekannte, offene und dezentralisierte Web inzwischen in Gefahr ist. Battelle macht diese Gefahr u.a. daran fest, dass Google weite Teile des Webs nicht mehr crawlen kann:
The “old” Internet is shrinking, and being replaced by walled gardens over which Google’s crawlers can’t climb. Sure, Google can crawl Facebook’s “public pages,” but those represent a tiny fraction of the “pages” on Facebook, and are not informed by the crucial signals of identity and relationship which give those pages meaning. Similarly, Google can crawl the “public pages” of Apple’s iTunes store on the web, but all the value creation in the mobile iOS appworld is behind the walls of Fortress Apple. Google can’t see that information, can’t crawl it, and can’t “make it universally available.” Same for Amazon with its Kindle universe, Microsoft’s Xbox and mobile worlds, and many others.
Natürlich ist nicht nur Google davon betroffen, sondern jeder Dienst, der sich außerhalb der großen Ökosysteme von Apple und Facebook bewegt. Ist es also schon zu spät für das offene Web? Kommt an den Walled Gardens der genannten Firmen niemand mehr vorbei? Es scheint fast so. Für immer mehr Menschen ist z.B. Facebook inzwischen das Internet. Sie kennen nichts anderes mehr.
Aber war das in den letzten 15 Jahren so sehr anders? Die große Mehrheit der mir bekannten Internetnutzer hat das Netz vor allem so genutzt: Wetter, Börsenkurse, Nachrichtenüberblick, möglichst alles zentral über ein Portal z.B. beim Webmail Anbieter der Wahl. Dazu kamen höchstens noch Ebay und Reisebuchungen. Für jüngere Menschen wurden irgendwann Social Networks interessant. Daran hat sich nichts geändert, sie sind jetzt eben alle bei Facebook.
Die meisten Menschen haben die Vorteile eines offenen und dezentralisierten Webs noch nie kennengelernt und dessen Möglichkeiten wahrgenommen. Das hat meiner Einschätzung nach nur ein sehr kleiner Teil der Nutzer, die eben bloggen, RSS nutzen, ihre Kalender über 10 Dienste synchronisieren möchten oder müssen. Für den Rest war und ist dieser Teil des Netzes irrelevant.
Wir können uns natürlich darüber beklagen. Wir können es bedauern, dass vielleicht etwas weniger freie Zeiten anbrechen. Aber ich bin davon überzeugt, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein wird. Zu sehr konnten wir in den letzten Jahren erleben wie nacheinander einzelne Wirtschaftszweige umgekrempelt wurden oder dem Niedergang geweiht sind. Disruption halt.
Nun trifft es evtl. das offene Web und einen seiner Protagonisten, Google. Die Firma ging 1998 an den Start und ist seit 2004 börsennotiert. Das ist ein relativ kurzer Zeitraum. Facebook wurde 2004 gegründet und geht dieses Jahr an die Börse. Warum soll Facebook nicht am Ende des Jahrzehnts ein ähnliches Schicksal ereilen?
So lange es Browser gibt, so lange sich Menschen nicht mit dem Status Quo abgeben, wird das offene Web in welcher Form auch immer weiter existieren. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Chris Saad hat das in einem Beitrag letzte Woche so beschrieben:
Don’t just iterate, innovate
Of course, someone has to build Apps. We can’t all be working at the infrastructure layer. But too many of the Apps we chose to build (or champion) are incremental. As startup founders, investors and influencers it’s so easy to understand something that can be described as the ‘Flipboard of Monkeys’ instead of thinking really hard about how a completely new idea might fit into the future. Sure there are plenty of good business and marketing reasons why you shouldn’t stray too far from the beaten path, broadening it one incremental feature at a time, but the core essence of what you’re working on can’t be yet another turn of a very tired wheel. If you’re shouting ‘Me too’ then you’re probably not thinking big enough.
Edit: Martin Weigert hat sich auf netzwertig.com ebenfalls des Themas angenommen. In den Kommentaren wird teilweise ähnlich argumentiert.